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Warum Reden Beziehungen verschlechtern kann

  • katharina-bergmann
  • 26. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. März

Herr S. klagt mir sein verständliches Beziehungsleid: "Bei der Paartherapie waren wir schon, da wir viel streiten. Wir gehen dort alle zwei Wochen hin und reden. Dort haben wir vereinbart zusätzlich zu Hause regelmäßige Gesprächszeiten wahrzunehmen. Was wir auch tun. Ich rede dann immer sehr viel. Dennoch finden wir nicht wirklich zueinander. Ich fühle mich nach wie vor oft nicht verstanden, gehalten und habe keine große Lust mehr mit meiner Frau Zeit zu verbringen."



„Redet miteinander.“


„Kommunikation ist der Schlüssel.“


„Wenn man nur genug spricht, löst sich alles.“



Diese Sätze gelten fast als unumstößliche Wahrheiten. In Beziehungen, Freundschaften, Paartherapie und Psychotherapie. Reden gilt als reif. Schweigen als gefährlich. Rückzug als Problem.



Ich halte das für zu kurz gedacht.



Nicht, weil Reden unwichtig wäre.


Sondern weil Reden überschätzt wird und weil es Situationen gibt, in denen Reden Beziehungen nicht verbessert, sondern schwächt.





1. Reden hilft nicht, wenn es der Selbstregulation dient



Reden wird problematisch, wenn ich es benutze, um mich über den anderen zu regulieren.



Wenn ich rede, weil ich:


• innerlich überflutet bin,


• meine Gefühle nicht halten kann,


• sofort Entlastung brauche,


• Angst vor Spannung habe,


dann ist Reden keine Kommunikation, sondern ein Regulationsversuch.



In diesen Momenten verlagere ich Verantwortung, erhöhe den Druck auf den anderen und mache Nähe zur Pflicht. Schweigen wäre hier oft reifer als Reden.





2. Reden schwächt Grenzen, wenn eigentlich Handlung gefragt ist



Viele Menschen reden über Grenzen, anstatt sie zu setzen.



Sätze wie:


• „Ich würde mir wünschen, dass …“


• „Kannst du bitte versuchen, nicht …“


• „Es verletzt mich, wenn …“


klingen erwachsen – sind es aber nicht immer.


Wenn ich eine Grenze erkläre, statt sie konsequent zu ziehen, verhandle ich etwas, das eigentlich nicht verhandelbar ist. Manchmal sind Rückzug, Abstand oder ein klares Nein die ehrlichere Kommunikation.





3. Reden macht klein, wenn der andere eine Reaktion erzwingen will



Es gibt Situationen, in denen Reden nicht verbindet, sondern unterordnet.



Zum Beispiel dann, wenn


• sofort eine Erklärung verlangt wird,


• Rechtfertigung erwartet wird,


• „Klärung“ eingefordert wird, obwohl ich innerlich noch nicht so weit bin.


Wer in diesem Moment redet, verlässt seine innere Position. Nicht zu antworten ist dann kein Mangel – sondern Selbstschutz.





4. Überflutung lässt sich nicht wegreden



Ein überlastetes Nervensystem braucht Pause, nicht Worte.



Wenn ich gestresst, müde, innerlich leer oder emotional übersättigt bin, führt jedes Gespräch fast zwangsläufig zu Missverständnissen, Eskalation oder Rückzug danach.



Hier gilt: Erst regulieren. Dann – vielleicht – reden.





5. Nicht-Reden ist auch Kommunikation



Wir unterschätzen, wie viel Kommunikation jenseits von Sprache stattfindet:


• Haltung


• Blick


• Nähe oder Distanz


• Handlung oder Nicht-Handlung


Manchmal sagt ein Rückzug mehr als jedes Gespräch. Manchmal schafft Schweigen mehr Klarheit als tausend Worte.





Mit Herrn S. erarbeite ich in der Therapie innere Stopp-Signale (Körper: Er spannt unbewusst seinen Kiefer an, Emotion: Wut, Gedanke: Sie versteht mich nicht, Verhaltensimpuls: Reden). Er lernt nach und nach, wie er frühzeitig spüren und auch kommunizieren kann, dass er eine Pause braucht. Es gelingt ihm immer besser, bei sich zu bleiben, sich selbst und seine Emotionen genauer wahrzunehmen, zu halten und dann durch kurze Spaziergänge zunächst Raum für sich selbst zu gewinnen. Er macht die für ihn erstaunliche Erfahrung, dass er danach manchmal gar nicht mehr das Bedürfnis hat mit seiner Frau zu reden. Ab und zu erlaubt er sich auch "roh" zu sein und seine Frau einfach zu umarmen, da es ihm im Grunde gar nicht ums Reden, sondern um menschliche Nähe und gehalten werden geht. Die Beziehung verbessert sich allmählich.



Fazit



Reden ist kein Beziehungsheilmittel. Es ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug kann es falsch eingesetzt werden. Kommunikation ist mehr als Reden.



Wer immer redet vermeidet oft Spannung, scheut Autonomie oder hält Nähe nicht aus. Manche Beziehungen würden stabiler, wenn weniger geredet und mehr gehalten, begrenzt und ausgehalten bzw. akzeptiert würde.




Herzliche Grüße



Ihre



Katharina Bergmann





 
 
 

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