Finanzielle Vorsorge – (k)ein Psychotherapiethema?
- katharina-bergmann
- 22. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Fehlende finanzielle Altersvorsorge begegnet mir in der psychotherapeutischen Praxis häufig – besonders bei Frauen, aber nicht nur.
Eine gute, langfristige Vorsorge ist für mich Teil der Selbstfürsorge und Ausdruck von Autonomie. Insofern könnte finanzielle Vorsorge tatsächlich ein Psychotherapiethema sein. Doch selbst unter Kolleginnen und Kollegen stoße ich mit diesem Thema selten auf echtes Interesse. Geld berührt in der Therapie oft etwas Tieferes: Scham, Selbstwert, Verantwortung und das Verhältnis zu Sicherheit. Es geht nicht nur um Zahlen, sondern um die Frage, ob man sich innerlich erlaubt, unabhängig zu sein. Auch unter Therapeuten und Therapeutinnen löst das ambivalente Gefühle aus – wir sind es gewohnt, über Sinn zu sprechen, nicht über Besitz.
Also konkret: Warum thematisieren Patientinnen und Patienten es ebenfalls kaum – oder blocken, wenn ich es anspreche? Ich sehe mehrere Gründe:
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Warum finanzielle Vorsorge so selten Thema wird
Es wirkt nicht dringlich. Die Entscheidung wird in die Zukunft verschoben.
Das Thema ist mit unangenehmen Gefühlen verknüpft. Angst, Überforderung, Scham – viele glauben, finanzielle Vorsorge sei kompliziert oder erfordere viel Fachwissen. Das Gegenteil ist der Fall.
Finanzbildung ist mangelhaft. Im Bildungssystem war sie oft kein fester Bestandteil. Dadurch bestehen Vorurteile über Aktien, Geldanlagen und Finanzmärkte.
Externe Berater erhalten zu viel Vertrauen. Verantwortung wird abgegeben, Kontrolle (und oft Rendite) geht verloren.
Alte Rollenbilder wirken nach. Viele Frauen verlassen sich weiterhin auf finanzielle Absicherung durch eine Partnerschaft.
Es fehlt schlicht das Kapital. Und damit auch die Motivation, sich zu beschäftigen.
Es fehlt Selbstvertrauen und innere Struktur. Geldthemen berühren Fragen nach Selbstwert, Ordnung und Selbstwirksamkeit.
Und schließlich: Die therapieauslösenden Themen sind oft akuter. Doch genau hier gibt es Überschneidungen – zwischen Selbstwirksamkeit, Angst, Abhängigkeit und Verantwortung.
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Was wir als Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen tun können
Natürlich sind wir keine Finanzberater – und wir geben, wie immer in der Psychotherapie, keine konkreten Tipps. Aber wir sind Hilfe zur Selbsthilfe.
Wir können Türen öffnen – hindurchgehen muss jeder selbst.
Wir können Marker setzen, Fragen stellen, Bewusstsein schaffen. Vielleicht wirkt es erst später.
Wir können Selbstwert stärken und an dysfunktionalen Glaubenssätzen arbeiten – typischerweise an Gedanken wie:
„Ich bin hilflos."
"Ich kann eh nichts bewirken.“
Finanzielle Vorsorge bedeutet letztlich, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen – auch in Bereichen, die wir lieber ausblenden. Und vielleicht ist genau das einer der stillsten, aber tiefsten Schritte in Richtung Autonomie.
Herzlichst
Ihre Katharina Bergmann



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